DIE GANZE GESCHICHTE

Die Geschichte der Subkultur ist eine Geschichte des Andersseins. Als die erste Generation von Teenagern in den 1950er Jahren eine Jugendrevolution entfachte, war es ihr Ziel, anders auszusehen und sich anders zu verhalten als ihre Eltern. Zuvor waren Jugendliche wie eine exakte, stilistische Kopie ihrer Eltern. Mit dem Aufkommen der ersten Rock'n'roll-Generation und den Teddy Boys brach jedoch eine Kluft zwischen den Generationen auf, die sich nie wieder schließen würde.
 
Oberflächlich betrachtet, war die Familie Griggs aus Northampton in den englischen Midlands scheinbar Teil dieses verpönten Verhaltens. Mit ihrer Stiefelherstellung im Herzen der britischen Schuhindustrie, war die Familie seit 1901 erfolgreich, etabliert, respektiert. Kratzt man jedoch etwas an dieser Oberfläche, so wird deutlich, dass der Griggs Clan eigentlich einige Züge aufwies, die in Zukunft als wesentliche Kennzeichen eines jeden Jugendphenomens gelten würden, das etwas auf sich hält: sie waren Freidenker und sie waren anders.
 
Warum anders? Weil die Familie Griggs nicht akzekptieren wollte, was zuvor als starre Vorlage für die Zukunft galt. Die Vergangenheit war lediglich eine Art Referenz "alter" Ideen, gegen die es zu rebellieren galt. Dieser Innovationsgedanke war es, der durch Bill Griggs Adern floss, als er an einem Tag in den späten 1950ern in seinem Büro in der Cobbs Lane saß und eine Ausgabe des "Shoe and Leather News" Magazins durchblätterte. Alles nur damit sein Blick schließlich auf eine Anzeige eines deutschen Duos fiel, das für seine neue revolutionäre Luftpolstersohle nach Partnern in Übersee suchte.
 
Dr Maertens und sein Freund von der Universität, Dr Funck, in München waren auch anders. Ebenfalls Erfinder. Querdenker, Freidenker. Nach einer Fußverletzung während eines Ski-Ausfluges, hatten sie eine luftgepolsterte Sohle erfunden und suchten nun nach gleichgesinnten Erfindern. Griggs nahm Kontakt mit Dr Maertens auf, ein Name wurde verenglischt, ein Plan ausgebrütet und am 1. April 1960 eine Legende geboren. 
 
Als an diesem Tag die allerersten Dr. Martens Stiefel über das Produktionsband rollten, waren Jugendkulturen auf der britischen High Street noch eine Rarität. Jedoch nicht lange: die nächsten vier Jahrzehnte erlebten eine wahre Explosion an Subkulturen überall auf der Welt, als eine ganze Reihe von Gruppierungen aus dem Untergrund auftauchte. Jede einzelne Inkarnation verspürte ein brennendes Verlangen danach, anders zu sein als das was vorher war. 
 
In diesen frühen Jahren gab es jedoch zwei markante und ausschlaggebende Momente, in denen Dr. Martens und Jugendkultur miteinander verschmolzen - untrennbar, wie sich herausstellen sollte. Als allererstes waren da die frühen Skinheads - eine multikulturelle, Ska-liebende Homage an die britische Arbeiterklasse, die den Kleidungsstil der Arbeiter mit beinahe besessener Hingabe zum Detail nachahmte. Stil bedeutete alles. Bis dahin waren Dr. Martens Stiefel weitgehend als verlässliche Arbeiterschuhe verkauft worden; somit war es die ideale Wahl des Skinheads. Und so wurde Dr. Martens vom Fabrikboden in die Jugendkultur katapultiert. Für die Marke sollte nichts mehr sein wie es war. 
 
Einige wenige, schnell verflogene Jahre später, zog Pete Townshend mit den aufrührerischen The Who ganz bewusst ein Paar 1460er auf der Bühne an, als ein ungeniertes Zeichen seiner Zugehörigkeit zum Stolz der Arbeiterklasse. Die junge Welt sah zu, wie Townshend in seinen DMs auf der Bühne herumwirbelte und herumsprang. All das in einer Zeit von Flower Power und koketter Psychedelia; Townshend sah einfach...anders aus. Mit ihm hatte Dr. Martens nun einen Fackelträger, der sich mitten im Herzen der Jugendkultur befand.
 
Townshend erklärte, dass er auf Tour mit zwei Dingen ins Bett ging: "Einer Flasche Cognac und einem Dr. Martens Stiefel." Diese beinahe merkwürdige persönliche Zuneigung zu seinem Stiefel betrifft jedoch nicht ausschließlich den Gitarristen von The Who. Sie ist in der Tat der Kern der fortbestehenden Popularität der Marke und sie führte auch dazu, dass über die kommenden Jahrzehnte, als jede nachfolgende Jugendsubkultur fieberhaft die Merkmale der vorherigen "Mode" oder "Bewegung" verbrannte, sie ihre heißgeliebten Dr. Martens doch oftmals aus den Flammen retteten und sie an die vereinte Brust drückten. Als also die Punks daherkamen, trotzig individualistisch und wütend über den Mangel an Möglichkeiten, zogen sie DMs mit in die Schlacht; als Two Tone Fans Stunden damit verbrachten, den richtigen Anzug auszusuchen, war ein frisches, sauberes Paar 1461er Schuhe ein unerlässlicher Begleiter und wenn Britpop Kids sich gegen die scheinbare Gleichgültigkeit des Grunge sträubten, war ein Paar kirschroter 8-Loch-Stiefel oftmals der ideale Weggefährte. 
 
Sobald der Dschinn in den 1960ern aus der Flasche gelassen wurde, konnten die Schwaden des rebellischen Dr. Martens Geists nicht zurückgehalten werden - der Stiefel sickerte durch jede einzelne Ecke und jeden Riss der Jugendkultur. Infolgedessen, liest sich die Liste der Verfechter von Dr. Martens wie ein Who is Who der Jugendkultur: Skinheads, Punks, Two Tone, Oi!, Hardcore, Psychobilly, Goth, Industrial, Grebo, Grunge, Britpop, Emo … die Liste ist lang.
 
Natürlich ist Dr. Martens nicht immun gegen die freche Selbstdarstellung der Jugend: somit werden die Stiefel oftmals offen, absichtlich unpoliert und abgewetzt getragen; oder aber starr und präzise geschnürt, mit militärisch glänzender Schuhspitze. Manchmal ganz schlicht oder auf andere Weise individuell angepasst.... und so weiter. Jeder so wie er mag. Jedes Paar anders. Dies ist der Moment, wo die schwarze Magie des Northamptons der späten 1950er wirklich zum Tragen kommt – was die Familie Griggs kreiert hatte, war ein Umriss, ein Design-Klassiker direkt vom Band, der tatsächlich Generation nach Generation erlaubt hat, ihre eigene Persönlichkeit auf das bescheidene Oberleder zu zeichnen, manchmal im wahrsten Sinne des Wortes.
 
Mit der explosionsartigen Entwicklung der Technologie in den 1990ern und mit dem neuen Millennium, änderte sich Jugendkultur maßgeblich. Man könnte sagen, dass die sogenannten "Stämme" nicht mehr so offensichtlich sind. Oftmals halten sie sich eher im Internet als auf den Straßen, im Untergrund, auf. Die Jugendkultur des 21. Jahrhunderts fristet ein sehr viel komplexeres Dasein, fließender und definitiv überlappender. Manche behaupten "es gibt keine Haarschnitte mehr" und in gewisser Weise stimmt das auch. Aber es fehlt sicherlich nicht an Erfindung, Rebellion und Individualität, jetzt womöglich mehr denn je.
 
Die heutige post-moderne Generation ist außerdem sehr viel medienbewusster als ihre Vorgänger. Was Mode und subkulturelle Geschichte angeht, bedienen sie sich eines stilistischen ‘Pick 'n' Mix', um einen Look, einen Sound und einen Lifestyle zu kreieren, der ankommt. Nichts ist verboten. Unausweichlich werden manche klassischen Looks unterschlagen und vernachlässigt, das ist unumgänglich und unvermeidbar. Die Marken, die diese möglicherweise verhängnisvolle Massenverbreitung überleben, sind zusehends diejenigen, die authentisch sind. Marketing Scheckhefte können Bildschirmzeit oder Platz in einer Zeitschrift kaufen, Authenzität jedoch nicht. Als ich den derzeitigen Vorsitzenden von Dr. Martens vor ein paar Jahren zum ersten Mal traf, tauchte er in einem grünen Parka auf, wie ein Scooter Boy, aber in einem Mini mit der Union Jack auf dem Dach und auf den Seitenspiegeln. Anders, dachte ich.
 
Die Erfinder der luftgepolsterten Dr. Martens Sohle, die Familie Griggs, jede Jugendsubkultur, die jemals existiert hat – sie alle haben den selben Nenner, einen grundlegenden Drang danach, anders zu sein. Die moderne Jugendkultur ist nun nicht mehr von den 1950ern wiederzuerkennen – in mancherlei Hinsicht sogar von den 1990ern – und doch werden die nächsten Kapitel der Geschichtsbücher von genau der selben Art von Persönlichkeiten geschrieben werden, die die Memoiren der ersten fünfzig Jahre der Jugendkultur geschrieben haben. Nämlich von den Leuten, die individuell sein wollen, die ausdrucksstark sein wollen, rebellisch, freidenkerisch... anders. Wieder dieses Wort.
 
Und wenn sie von den Fußabdrücken ihrer Vorgänger lernen und in ihre ganz eigene Zukunft schreiten, dann können sie dies doch genauso gut in einem Paar Dr. Martens tun...
 
 
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